27.10.2007

»Die Kultur schützt uns vor nichts. Die Nazis sind der Beweis.«

Jonathan Littell im Gespräch mit Jesus Ruiz Mantilla

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Man könnte Sie durchaus als einen Abtrünnigen beschreiben.
Littell: Wie bitte?
Damit wir uns verstehen: Ein Abtrünniger ist zum Beispiel auch jemand, der sich weigert, in seiner Muttersprache zu schreiben.
Littell: Meinetwegen. Französisch ist für mich wie eine Muttersprache. Ich bin damit aufgewachsen.
Sie sind demnach von Kindheit an zweisprachig.
Littell: Ja.
Es ist aber die Sprache, in der Sie sich literarisch ausdrücken, das ist durchaus bemerkenswert. Warum?
Littell: Wer weiß. Ich kann nur sagen, dass sie mir gefällt.
Gefällt sie Ihnen oder ist sie eine ästhetische Verpflichtung?
Littell: Ich habe sicher eine sehr innige Beziehung zur literarischen Tradition in Frankreich, aber keine ausschließliche. Ich beziehe mich auch auf US-amerikanische Autoren, eines meiner großen Vorbilder ist Herman Melville. Ich spreche auch gut russisch, würde aber nie auf Russisch schreiben.
[Der wahre Kern des Krieges fand im Osten statt.]
Warum haben Sie einen Roman über den Nazismus geschrieben, dem sich schon so viele gewidmet haben?
Littell: Es ist wahr, man hat viel darüber geschrieben. Doch das heißt nicht, dass alle Fragen beantwortet sind. In den Wohlmeinenden geht es um den Henker, den Mörder, über den ja auch schon geschrieben wurde. Aber ich wollte mich dem Thema auf andere Weise nähern, über einen anderen Standpunkt, eine andere Perspektive. Die Frage ist immer noch nicht stimmig beantwortet. Mich fasziniert das Thema des Henkers im Allgemeinen, und mehr noch in der Welt der Nazis. Die kann man gründlich studieren, es gibt sehr viel Material darüber, Dokumente, die zum einen in Händen der Deutschen, aber auch in Besitz der Sowjets waren... Deshalb spielt der Roman in dieser Zeit. Ich wollte nicht, dass er in der Gegenwart spielt. Es wäre möglich gewesen, doch...  

Littell: Richtig. Der wahre Kern des Krieges fand im Osten statt. Da ich in Frankreich aufgewachsen bin, weiß ich, dass man sich dort ausführlich mit Besatzung und Widerstand auseinandergesetzt hat, doch dies war nie viel mehr als ein Schaufenster zum Krieg angesichts dessen, was der Kampf zwischen Sowjets und Deutschen bedeutete. Darin lag das Wesen des Krieges.
Für den Roman ist Russland der Schauplatz, in dem sich die Handlung entwickelt, vor allem aber dient es Ihnen dazu, all das zur Sprache zu bringen, was das Phänomen des Nazismus ausmacht.
Littell: Das war zumindest mein Ziel. Ob ich es erfüllt habe oder nicht, weiß ich nicht, doch ich habe es versucht.

Das Buch berührt dort mit am meisten, wo es zeigt, dass die Philosophie, die Ideologie der Nazis, ihre Weise der Weltwahrnehmung auf soliden kulturellen Grundlagen ruhte. Das beweist der Protagonist Max.  
Littell: Einige Historiker wären damit nicht einverstanden.

Schon, aber eher mit Ihnen, da Sie dies in Ihrem Buch vollständig unter die Lupe nehmen.
Littell: Ja, und genau dafür wurde ich kritisiert.

Es ist klar, dass die Schlussfolgerungen, zu denen die Nazis gelangten, grausam waren, jedoch auf starken Fundamente ruhten.
Littell: Was kann ich dem hinzufügen? Ich sollte das Ergebnis nicht kommentieren. Es gibt viele Meinungen, ich habe meine, kurz und gut. Doch letztlich werde nicht ich darüber urteilen. Ich habe selbstverständlich versucht, in die Grundlagen dieser Ideologie einzudringen, ich habe sehr viel dazu gelesen, aber auch nicht alles, und auch nicht auf deutsch. Zum Beispiel konnte ich Mein Kampf nicht zu Ende lesen. Ich glaube, viele Aspekte der Ideologie verstanden zu haben, doch es gibt genauso viele, die ich nicht einmal kenne. Am emotionalsten empfinde ich etwa jene, die mir besonders fremd geblieben sind.

Ich will damit sagen, dass diese Annäherung überrascht, für einen Roman erscheint sie mir sehr neu und sehr gewagt.
Littell: Seit ich mich erinnern kann, schien es es mehr oder weniger ausgemacht, dass der Kommunismus als Ideologie ernster zu nehmen war als der Faschismus. Dieser hatte seine eigene Ratio, seinen inneren Sinn, wohingegen die Nazis niemand allzu ernst genommen hat. Als ich dann anfing, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen, ist mir aufgefallen, dass sich seine Gedankenwelt auf ebenso solide Wurzeln stützte. Die Unterschiede zum Faschismus, das ökonomische Denken, all das ist hochkomplex. Mir erschien es wie eine sehr künstliche



[Ich bin kein Relativist.]
Muss man sich in dieser Hinsicht eine Geringschätzung und leichtfertige Unterschätzung des Feindes vorwerfen?
Littell: Auch das nicht. Man muss darauf achten, was die Intellektuellen der Zeit dachten, nichts weiter. Zum Beispiel die Franzosen. In den 30er Jahren hatte der Stalinismus bereits Millionen von Menschen eliminiert, während den Nazis erst einige Tausende zum Opfer fielen. Das ging so weit, dass Hitler bis ins Jahr 1937 für viele eine echte Option darstellte, ohne näher auf die Klassenfrage einzugehen. Wer einer eher angepassten Familie angehörte, ließ sich sehr wahrscheinlich auf die Rechten ein, die anderen paktierten eher mit der Linken, wobei es natürlich immer Ausnahmen gab. Ich gehe davon aus, dass es in Spanien nicht anders war. In diesem Moment, in dieser Lage, war der Nazismus eine Wahl, die erst später, aufgrund der Ergebnisse jeden Kredit verlor. Auch der Kommunismus hätte damals fallen müssen, doch da er den Krieg gewann, konnte er noch 50 Jahre überleben.

Hieraus könnte man folgern, dass wir uns nicht sicher fühlen können, nicht einmal wenn wir uns mit Kultur wappnen.
Littell: Natürlich. Nur der Naive glaubt, dass einem die Kultur dabei hilft, nett zu sein.

Nicht einmal hier können wir Hilfe erwarten?
Littell: Die Kultur beschützt uns vor gar nichts. Die Nazis haben das bewiesen. Man kann Beethoven oder Mozart bewundern, Goethes Faust lesen und dennoch ein menschliches Schwein sein. Es gibt keine direkte Verbindung zwischen Kultur mit großem K und einer politischen Einstellung.

Oder einer Ethik ...
Littell: Genau. Mit einer Figur wie Max versuche ich zu zeigen, dass es einen geschichtlichen Zeitpunkt gab, da die Möglichkeit, sich mit den Nazis zu verbünden, für viele eine ethische Wahlmöglichkeit darstellt. Sie entschieden sich damit nicht für die Seite der Bösen. Wie die Kommunisten auch, entschieden sie sich für das eine oder das andere. Zum Beispiel entscheidet man sich auch für die Demokratie. Demokrat zu sein, kann unter Umständen noch heute bedeuten, dass man Teil eines Ganzen ist, das manchmal schreckliche Dinge zu verantworten hat und Fehler begeht. Jene, die die Nazis gewählt haben, taten dies mit dem Bewusstsein, einen bestimmten Weg eingeschlagen zu haben, dessen Fehler ausgebessert werden mussten.
Doch das ganze Scheitern, dieser ideologische Zusammenbruch hat uns noch viel verwundbarer und unsicherer gemacht, er hat uns nackt zurückgelassen.  
Littell: So ist das Leben.  

Littell: Ich bin kein Relativist.


[Man darf nicht erwarten, dass jemand nicht zur Folter fähig wäre, nur weil er ein netter Kerl ist.]
Ach wirklich?
Littell: In keinster Weise. Mit meiner Arbeit möchte ich dazu beitragen, unsere eigenen Entscheidungen besser zu verstehen, zu verstehen, warum wir uns so und nicht anders entschieden haben. Ich habe meine eigene Ethik, und ich glaube nicht, dass es nur um ein Entweder-Oder geht. Mit ein wenig Glück wählt man den anständigeren Weg, selbst in schwierigen Zeiten kann man sich für das Richtige entscheiden, das ist ja das schwierige. Heute hinterfragt kaum jemand den ethischen Wert des Kapitalismus oder der Demokratie, kaum jemand sieht, dass es Dinge gibt, die hinterfragt werden können. Mir würde gefallen, wenn das Buch aufzeigt, dass heute sittliche Wege existieren, die wir gehen können, weil bestimmte Erfahrungen gemacht und bestimmte Lehren daraus gezogen wurden. Trotzdem geschieht es, dass junge Menschen aus allen Staaten der USA sich dafür entscheiden, in den Irak zu gehen und Menschen zu foltern. In sittlicher Hinsicht müssen sie sehr verwirrt sein. Doch kann man diese Verwirrung verstehen, wenn man bedenkt, dass es in diesem Land Juristen gibt, die für die Folter eintreten. Was kann man da erwarten? Wenn man die Entscheidung über den Einsatz von Folter einer Militäreinheit überlässt, was soll man erwarten? Was macht es schon, wenn sie es dann übertreiben? Oder wenn man Söldnern die Drecksarbeit überlässt, darf man sich über Grausamkeiten nicht wundern. Es gibt keine Regeln. Das Problem ist, dass die Grenzen, die uns in Zaum halten, keine sozialen sind. Man darf nicht erwarten, dass jemand nicht zur Folter fähig wäre, nur weil er ein netter Kerl ist. Man muss vielmehr fordern, dass niemand das Recht hat, einen anderen zu foltern, einfach weil es Gesetze gibt, die dies verbieten, und wer sie übertritt, wird bestraft.  

Doch gegen den Relativismus hilft auch kein Absolutismus, keine Schwarzweißmalerei. Wo ist der Ausweg?
Littell: Wenn Gott verschwindet, haben wir ein Dilemma. Die Werte müssen sich auf etwas beziehen, sie müssen von irgendwo her kommen. In einer Welt ohne Gott ist es schwierig ein ethisch-moralisches System einzuführen. Die Ideologien wollten dies leisten, aber auch sie sind gescheitert, und so bleibt uns heute nichts mehr. Auch der iPod kann kein System errichten. Ebensowenig der Handel oder die Werbeindustrie. Die Werte, die uns Konsum und Geld aufzwingen, sind nichts. Unsere Gesellschaft verliert sich in der Erinnerung, einmal auf der Seite der Guten gestanden zu haben. Sie lebt von den Überresten.

Wenn Sie davon sprechen, dass wir uns verlieren, glauben Sie dann nicht einmal mehr an eine grundfeste Moral?
Littell: Ich sage nicht, dass ich sie nicht besitze, aber ich glaube, dass es der Gesellschaft daran mangelt.

Littell: Während die USA sich auf die Religion zurückzieht, kehrt Europa zum Nationalismus zurück, zur Politik der regionalen Identität. Katalonien ist ein gutes Beispiel, ebenso die Basken und Belgier. Sogar die Franzosen, mit dem Ministerium für Immigration und nationale Identität, das die neue Regierung geschaffen hat. Die Spannungen, die mit den Werten der Identität einhergehen, empfinde ich als sehr negativ. Andererseits gründen die Versuche, positive Ideologien zu konstruieren, auf Umwelt- und der Antiglobalisierungsbewegungen, die beide sehr infantil und unreif sind.  

Das, was man als Gutmenschentum bezeichnet?  
Littell: Nicht, dass sie sich darauf gründen. Es gibt sehr brillante Kritiker, wie Chomsky. Ich will auch nicht sagen, dass man eine neue Ideologie schaffen sollte; Es wäre jedoch nur zu begrüßen, wenn neue Werte, die auf dem Respekt für die Menschen und diese Welt gründen, auftauchen sollten.  

Aber die ideologische Schlacht dauert an. Etwas abgemildert, aber sie dauert an. Und die Neocon, die extreme Rechte unserer Tage, scheinen ihren Vorteil auszubauen.
Littell: Die Neocon sind am Ende. In den USA steht sie ohne Zweifel vor ihrer letzten Schlacht.

Hat Bush demnach alle, auch die eigenen Leute, ruiniert?
Littell: Ja. Wer sind denn die Neocon? Das sind Leute, die schon mit Nixon, Reagan und Bush senior an die Macht wollten, und die daran gescheitert sind, dass sie niemand ernst genommen hat. Unter Bush junior konnten sie Machtpositionen erringen, doch ihre Führung war ein gewaltiges Fiasko. Es ist vorbei, aus. Sie sind gescheitert.

Gut, lange Jahre mussten sie vergeblich warten, bis sie endlich an die Macht kamen. Wer sagt Ihnen denn, dass heute nicht andere, noch radikalere Gruppen existieren, die in einigen Jahren die Macht an sich reißen könnten?
Littell: Als Radikale wird man sie nicht dulden. Reagan und Bush waren schon sehr rechts, aber nicht so sehr wie Richard Pearl, Cheney oder Rumsfeld und Wolfowitz. Deshalb hat sich Bush junior auch nicht auf die Leute seines Vaters verlassen. Er und Karl Rove konnten eine Allianz zwischen den Neocon, den Fundamentalisten und den Liberalen innerhalb der Republikanischen Partei schmieden. Sogar Fundamentalisten und Neocon muss man unterscheiden. Erstere interessieren sich vor allem für Haltung, Abtreibung und Moral; Außenpolitik und die Eroberung anderer Länder interessiert sie herzlich wenig. Das sind Fragestellungen der Neocon, und gerade auf diesem Feld haben sie völlig versagt. Man hat sie aus ihren Positionen verjagt, zum Teufel geschickt und sie hinterlassen das Land in einem schlechteren Zustand als sie es vorgefunden haben. Ihre letzte Frage lautet, wie sie schnellstmöglich aus Irak oder Afghanistan herauskommen.  

Littell: Niemand. Doch jetzt fürchten die Leute religiöse Fundamentalisten. Die Neocon waren ein Haufen Akademiker, die niemanden repräsentierten. Die anderen haben mit viel Geld ein Netz der Macht gesponnen, sie sind wirklich gefährlich. Das sind Leute, die private Streitkräfte und den Einsatz von Waffen unterstützen, von ihnen geht eine reale Gefahr aus.

Ähneln sie von allen extremen Gruppierungen unserer Tage am ehesten den Nazis?
Littell: Ich will das nicht vergleichen, das ist etwas anderes. Ich sage nicht, dass sie nicht eines Tages einen Staatsstreich verüben könnten. Sie unterstützen Leute, die bis an die Zähne bewaffnet sind und für die Demokratie zum Problem werden könnten. Die privaten Streitkräfte machen einem richtig Angst, mit solchen habe ich etwa in Tschetschenien bereits zu tun gehabt.

Sie haben eine Weile in Russland gelebt.
Littell: Ja, fünf Jahre. Zwei Jahre in Tschetschenien, drei in Moskau.
Glauben Sie, dass man Russland zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat, und dass dort schwerwiegende Dinge passiert sind, während die Welt auf andere Konflikte geschaut hat?
Littell: Russland hat sich gewiss in einen faschistischen Staat verwandelt. Es ist augenfällig. Die offizielle Ideologie ist bis auf die Knochen rassistisch.  


[Russland ist ein furchterregendes Land.]
Was soll man von einem KGB-Chef wie Putin auch anderes erwarten?
Littell: Schon, obwohl ich nicht glaube, dass dieser Zustand von Dauer sein kann. Für Russland ist eine Lösung möglich, man beobachtet gerade die letzten Atemzüge des vorherigen Systems und die Machthabenden könnten soweit die Kontrolle verlieren, dass etwas interessantes aufscheinen könnte. Die demokratischen Russen sind ganz und gar nicht verzweifelt, sie sehen, dass es sich lohnt etwas zu tun – weil man etwas tun kann.  
Ja, aber bis dahin macht das ganze jetzige Panorama große Angst.
Littell: Ja sicher, Russland ist ein furchterregendes Land. Ich habe einen guten arabischen Freund, der dort lebt und man hat ihn schlimm verprügelt, als er in seine Wohnung in Moskau zurückkehren wollte. Es ist schrecklich.
Hatten Sie Probleme mit den Obrigkeit?
Littell: In Tschetschenien ständig. Und das, obwohl ich meine dortige Arbeit bereits 2001 abgeschlossen habe, als es noch nicht ganz so viele Konflikte wie heute gab.
Was haben Sie dort gemacht?

Littell: Für eine Hilfsorganisation gearbeitet. Aktion gegen den Hunger.
Wohin sind Sie gegangen, als Sie die Arbeit dort beendet hatten?
Littell: Ich habe noch ein paar Jahre auf diesem Gebiet gearbeitet, habe mich dann aber dafür

entschieden, damit aufzuhören, um zum Beispiel ein Buch zu schreiben.


[Ich wollte eine einfache Frage beantworten. Und für die Antwort habe ich etwas sehr weit ausgeholt.]
Wie lange haben Sie dafür gebraucht? Obwohl es ja zu jenen Büchern gehört, die man ein
Leben lang mit sich herumträgt...
Littell: Entschuldigung, aber das hat man mich schon 20-mal gefragt, Sie sollten die Antwort
kennen.

Nun sagen Sie schon.
Littell: Nun, ich habe viele Jahre darüber nachgedacht, und etwa fünf Jahre habe ich gründlich

daran gearbeitet, mit Recherche, Schreiben und Korrekturen... Das Schreiben selbst dauerte
nicht sehr lang.
Und glauben Sie nicht, dass das Ergebnis zu weit geht?
Littell: Was?

Nun, dass man womöglich mit weniger die Dinge hätte klarer darstellen können.  
Littell: Ich verstehe nicht ganz.
Dass einen Ihr Werk womöglich erdrückt.
Littell: Nein. Warum?

Zuweilen wirkt es exzessiv.
Littell: Sehen Sie, genau das muss es sein... Ich weiß nicht.

Sicherlich besitzt jedes Buch sein eigenes Maß seinen eigenen Körper.  

Littell: Nun gut, ich habe versucht, das zu erreichen, was ich mir vorgenommen habe. Ob ich dies geschafft habe, ist eine andere Frage.

Und was wollten Sie erreichen? Man sagt etwa, sie wollten ein Krieg und Frieden unserer Zeit schaffen?
Littell: Nein, nein, was denken Sie. Ich wollte eine einfache Frage beantworten, die ich mir selbst gestellt habe. Und für die Antwort habe ich etwas sehr weit ausgeholt.  
Wie lautet die Frage, die große Frage, die Sie sich gestellt haben?
Littell: Die Natur des Staatsverbrechens.
Auch die Natur des Bösen?
Littell: Für mich ist das Böse nicht so wichtig, man sollte das Böse unter religiösem Blickwinkel behandeln. Das Böse ist ein Ergebnis, und ist ebenso wenig transzendent wie das Gute. Es besteht aus Handlungen, die nicht auf außermenschliche Zustände verweisen, sie hängen vom Willen der einzelnen Personen ab.

[Es gestaltet sich schwierig, ein anständiger Mensch zu sein.]
Sie haben sicher gelesen, was Vargas Llosa über Ihr Buch sagt.
Littell: Nun, ich kann mich nicht erinnern.
Er hat gesagt, dass Ihr Buch zwar beeindruckend sei, aber kein bisschen Hoffnung enthalte.
Littell: Ich glaube nicht an die Hoffnung. Ich erhoffe mir nichts. Wer die Welt betrachtet, findet überall Grauenhaftes. Es gestaltet sich schwierig, ein anständiger Mensch zu sein. Im Westen glaubten wir, ein Gleichgewicht gefunden zu haben, doch für den Rest der Menschheit ist die Welt ein Alptraum.  
Und gibt es keinen Ausweg? Sehen Sie keinen Ausweg?
Littell: Wir werden alle sterben. Was sollen wir erwarten?
Gibt es nicht eine Nische für die Schönheit?
Littell: Gut, ja. Die Schönheit ist überall.
Außer in Ihrem Buch.
Littell: In meinem Buch ist sehr viel Schönheit.

Vielleicht wird sie von alldem, was sie umgibt, unterdrückt.  
Littell: Es gibt sehr viel Schönheit. Ein schöner Sonnenuntergang bleibt schön, geschehe was wolle. Es ist egal, ob man ihn vom Tibidabo [Berg in Barcelona] aus oder von sonst wo sieht. Es ändert nichts.
Vielleicht sind es die Augen des Beobachters, die alles, sogar das Schöne, beschmutzen können. Wir weigern uns, die Welt durch diese Augen zu sehen.
Littell: Kann sein. Die Schönheit existiert unabhängig vom Menschen. Wenn alle Menschen verschwunden sind, hört sie nicht auf zu existieren. Die Schönheit hängt nicht von dem ab, der sie beobachtet. Selbstverständlich können auch Schöpfungen aus Menschenhand schön sein, die Kunst etwa, ohne dies hier vertiefen zu wollen. Doch die Schönheit existiert natürlich.
Sogar die Schönheit kann durch solche Personen verbogen werden.
Littell: Von wem?
Von den Nazis.
Littell: Nein, das ist jetzt zu primitiv. Das zeichnet Psychopaten aus: Die Schönheit oder die Erregung im Verbrechen zu suchen. Doch im Falle der Nazis mussten sogar die Verbrechen, und das war Staatsräson, von den allernormalsten Menschen ausgeführt werden.  

[Ich glaube nicht, dass es eine Antwort gibt.]
Was halten Sie von jenen Intellektuellen, Kritikern und Opfern, die glauben, man dürfe ohne persönliche Erfahrungen nicht über den Holocaust schreiben? Fürchten Sie sie nicht?
Littell: Diese Reaktionen sind mir nicht wichtig. Außerdem glaube ich nicht, dass man sich von irgendjemandem einschränken lassen soll. Wir alle haben ein Recht auf unseren eigenen Standpunkt.
Und haben Sie die Antwort auf Ihre Frage gefunden?
Littell: Ich würde sagen, dass ich einige Aspekte klären konnte. Doch ich glaube nicht, dass es eine Antwort gibt. Kurz, man weiß, wie ein solches System funktioniert, wie man den Staatsterror organisiert. Es kann sein, dass sich einige Dinge geklärt haben, doch sie bleiben auch ein Rätsel.
Können Sie sich vorstellen, wie es gewesen ist?
Littell: Für mich bleibt es ein Rätsel. Dass man massive Ermordungen organisiert, dass eine Person eine andere töten kann, ist mir völlig unbegreiflich. Seltsam, während wir hier sind, quält vielleicht jemand in einem Kellergeschoß einen Menschen. Und ich habe Menschen getroffen, die dies tatsächlich tun, Menschen, die gemordet haben, mit eigenen Händen gefoltert haben. Und zwar viele. Es erscheint mir unbegreiflich, dass dieser Mensch weiterhin seine Kinder liebt, seine Familie, obwohl er bisweilen seine Mitmenschen oder die Kinder von anderen quält. Ich habe versucht, dies zu analysieren und durch die Augen von Max zu sehen. Selbst er versucht, jene zu verstehen, die ihn umgeben.  

Warum haben Sie dem Buch eine musikalische Form gegeben?
Littell: Es ist gut, mit dem Kontrapunkt zu erzählen.
Also hat Bach viel mit dem Buch zu tun.
Littell: Ja selbstverständlich. Ich mag ihn sehr.  
Doch Sie behaupten, es gebe keine Hoffnung, und Bach hat einiges an Hoffnung zu geben
Littell: Er gibt mir Schönheit, keine Hoffnung. Es ist gut zu wissen, dass es Menschen gegeben hat, die die Welt wie Bach begreifen. Er glaubte an Gott, seine Musik berief sich auf eine theologische Eingebung, an die er glaubte. Ich teile diesen Glauben nicht, doch mir bleibt die Schönheit. Bach ist mir lieb und teuer, doch auch er kann nicht verhindern, dass ein Mensch einem anderen Schaden zufügt, aber vielleicht täusche ich mich.
Bach überwindet das Theologische. Er dringt zum Göttlichen vor und berührt die Seelen von Agnostikern und Atheisten.
Littell: Die Fuge ist der musikalische Ausdruck der Mysterien der allerheiligsten Trinität, der Dreieinigkeit.
Ist die Trinität nicht reiner Relativismus?
Littell: Sicher, sicher, doch für Christen ist sie der Glaube.  

[Wagner? Nein, um Gottes willen. Wie grässlich!]
Sicher, ein Dogma. Aber ein Dogma, das relativ wird: drei Teile für ein Ziel, drei Prismen für einen Zweck. Das ist der Gipfel der Relativität. Spielen Sie ein Instrument?
Littell: Nein. Mir gefällt die alte und barocke Musik. Purcell, Monteverdi. Nicht mehr so sehr das 19. Jahrhundert.
Und Wagner?
Littell: Wagner? Nein, um Gottes willen. Wie grässlich! Beethoven ist meine Grenze. Danach verliere ich mich, obwohl ich Chopin ertragen kann.  

Warum gefällt Ihnen Wagner nicht?
Littell: Er ist unerträglich. Er ist wie Brei, schwer, teigig. Wenigstens kehrt mit Debussy und Schönberg die Form zurück. Eine fragwürdige Form zwar, aber immerhin eine Form.
Abgesehen von der Suche nach Antworten zeugt Ihr Buch von einem tiefen Ehrgeiz. Was war Ihr künstlerischer Ehrgeiz?
Littell: Ein gut ausgestattetes Werk zu schaffen.  
Außerdem haben Sie den Prix Concourt gewonnen...
Littell: Ich habe alles getan, um das zu verhindern, doch leider haben sie ihn mir dennoch gegeben.
Doch sie haben ihn nicht entgegengenommen.
Littell: Ich wollte ihn nicht.  
Warum? Warum weisen Sie einen Preis zurück, von dem so viele träumen?
Littell: Ich glaube nicht, dass Preise etwas mit der Literatur zu tun haben. Eher mit Werbung und Marketing als mit Literatur. Das gefällt mir nicht.  
Aber es handelt sich um einen guten Preis, einen gut dotierten Preis, Sie können jetzt in Barcelona ganz gut leben – nicht zuletzt aufgrund der Auswirkungen...
Littell: Ich bin schon davor hierher gezogen. Ja, das Geld ist nicht schlecht, aber das ist etwas anderes. Was mir nicht gefällt, ist der Wettstreit und all dieser Müll, wenn es mehr um soziale Anerkennung als um die Kunst geht. Außerdem habe ich das Buch nicht geschrieben, um damit Geld zu verdienen, das kann ich Ihnen garantieren.  
Was bedeutet Ihnen die Literatur? Wie haben Sie sich angesteckt?
Beim Lesen.
Und welche Lektüre hat in Ihnen den Wunsch geweckt, Schriftsteller zu werden? Denn es gibt Bücher, die ansteckend sind, und andere nicht.
Selbstverständlich gibt es Autoren die mich ansprechen. Bataille, Kafka, Beckett, Melville... Und viele andere.

Gehören Sie zu denen, die glauben, der Roman sei tot?
Littell: Ich weiß, dass es diese Debatte gibt, doch ich halte sie für nicht allzu sinnvoll. Meine literarischen Vorlieben liegen in der Prosa, ich finde sogar immer noch Texte, die bie mir ihre Wirkung zeigen. Ich bin nicht der Meinung, dass man die Gattung neu erfinden müsste.  
Man sagt, dass Sie die US-amerikanische Kultur verachten. Stimmt das?  
Littell: Nein.
Hat man sie falsch verstanden?
Littell: Man hat soviel Unsinn über mich geschrieben, ich messe dem keinen Wert zu. Einige Elemente dieser Kultur gefallen mir überhaupt nicht, aber ich kann mich nicht beschweren. Ich verachte ihre konservative, rückschrittliche und faschistische Art, ihre zwanghafte Konsumhaltung, gleichzeitig aber eröffnet sie einige sehr interessante Aspekte.  
Fühlen Sie sich dem Club der Bartlebys zugehörig, den Enrique Vila-Matas gegründet hat?
Littell: Bartleby der Schreiber ist ein Buch, das mich fasziniert. Diese Person, die nicht aufhört zu sagen, was sie lieber nicht will, reflektiert auf gewisse Weise meine Einstellung zum Goncourt.  
Womit beschäftigen Sie sich im Moment?
Littell: Nun, mit nichts. Mit alldem bleibt mir kaum Zeit, mich auf ernsthafte Dinge zu konzentrieren.
Aber schreiben Sie?
Littell: Nein.
Wollen Sie keinen neuen Roman schreiben?
Littell: Mal sehen. Ich verbringe das Leben mit Dingen, die dieses verfluchte Buch nach sich bringt. Ich habe es satt.
Verfluchtes Buch? Hassen Sie es bereits?

Das ist nicht viel.
Littell: Für meinen Geschmack sind es viel zu viele. Solange daraus nichts Neues entsteht, sehe ich keinen Sinn in ihnen. Man muss es machen, es ist auch Teil Ihres Jobs, man muss Zeitungen verkaufen, purer Kommerz, um nichts anderes handelt es sich. Ich habe einige interessante Interviews gegeben, aus denen neue Dinge hervortraten, die jetzt ihren Wert haben.
Haben Sie in diesem Interview etwas Neues gesagt?
Littell: Nein.
So sagen Sie es jetzt.
Littell: Ich habe nichts mehr zu sagen.


Übersetzung: Stephan Pauli

»Die Wohlgesinnten«